| DIE SÜDDEUTSCHE 091003
Blaue Steine
Endlich im Kino: Heinz Emigholz filmt die Baukunst von Bruce Goff
Shin’enKan hieß das Gebäude, das bedeutet etwa „the
place of the far away heart“.
Das schönste, was der Architekt Bruce Goff (1904–1982) für
seinen Gönner, den Millionär Joe Price, schuf, in dessen Heimatstadt
Bartlesville in Oklahoma. Ein Haus mit einer besonderen Aufgabe, die Sehnsucht
sollte es lindern, die Prices Frau Etsuko nach der Heimat verspürte.
Zwanzig Jahre baute Bruce Goff, zwischen 1956 und 1977. Dann wurde Shin’enKan
der University of Oklahoma in Norman vermacht und damit war sein Schicksal
besiegelt – die Architekturfakultät dort wurde von der Bauhaus-Fraktion
dominiert, die Goff hasserfüllt gegenüber stand: „Von Goff
kann man lernen, wie man nicht bauen sollte“, hat Mies proklamiert.
Goff wurde mit einer Schwulen-Kampagne schikaniert, Ende 1997 wurde das
Haus durch Brandstiftung zerstört.
Heinz Emigholz nahm ein paar Stücke von Shin’enKan mit, als
er die Stätte im Mai 2002 filmte, ein paar blaue Glassteine, die der
Keim wurden für seinen Film „Goff in der Wüste“,
Teil 7 seiner Serie „Photographie und jenseits“, der – wie
alle bisherigen Teile – auf dem Forum der Berlinale uraufgeführt
wurde und nun – der erste Film– in die Kinos kommt. Zur Zeit
ist er, immer Sonntag um 13 Uhr, im Münchner City Kino zu sehen, an
diesem Wochenende in Anwesenheit von Heinz Emigholz.
Shin’enKan ist mehr als eine Episode der Baugeschichte, und was Heinz
Emigholz mit „Photographie und jenseits“ macht, ist mehr als
die Dutzendfeatures aus Wissenschaft und Lehre. Der Besuch der überlebenden
62 Bauten von Bruce Goff, in Oklahoma, Kansas, Texas, ist ein Erlebnis,
und beim Verlassen des Shin’enKan-Trümmerfelds, das er heimlich
filmte, „begann ich die Naivität zu hassen, mit der ich auf
die Dinge zugegangen war, ohne die zugrunde liegende Gewalt der Macht in
Oklahoma zu spüren“. (Emigholz in seinem Buch „Das schwarze
Schamquadrat“)
Habent fata sua aedificia . . . „Goff in der Wüste“ ist
großes Kino, gedreht auf 35mm-Material und in Dolbysound. Und diese
62 kleinen Sequenzen erzählen Geschichte intensiver als der stärkste
Hollywoodfilm. Die Geschichte einer Reise durch ein paar Staaten der USA,
die Geschichte
eines Menschen, der Leben gestaltete gemeinsam mit der Natur, die Geschichte
der Menschheit zwischen Schaffen und Zerstörung. Das Herz ist nicht
mehr gar so fern nach diesem Film.
göt
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